Vom Erleben einer Weltkrise

Jemand hat unlängst zu mir gesagt: „Wir sagen, es ist Corona – als wäre es die fünfte Jahreszeit“. Ja, unsere Zeitrechnung hat sich verändert. Wir sprechen jetzt von der Zeit „vor Corona“ und „hoffentlich nach Corona“. Aber wo befinden wir uns jetzt gerade, „während Corona“? Warum fühlen sich immer mehr Menschen psychisch belastet? Warum gehen die Wogen immer schneller hoch, werden die Diskussionen rauer, das Mitgefühl weniger? Warum glauben Menschen an Verschwörungen?

Das Wesen von Krisen

Wir befinden uns mitten in einer Pandemie – einer Weltkrise, die uns alle betrifft. Wir sprechen von einer Krise, wenn wir ein unvorhergesehenes Ereignis, eine kritische Situation als bedrohlich erleben und mit unseren bisherigen Strategien nicht bewältigen können. Wenn unsere Bewältigungsmöglichkeiten also überfordert sind. Die Corona-Pandemie hat unsere Welt wie wir sie kennen völlig auf den Kopf gestellt. Unser Arbeitsleben, unser Privatleben, unser soziales Leben, unsere gesellschaftlichen Normen, unsere gesellschaftlichen Sicherheiten. Betrachten wir die 5 Säulen des Lebens nach Petzold, die da wären: Leiblichkeit, Arbeit und Leistung, existenzielle Sicherheit, soziales Netz und Werte, sehen wir, dass die Pandemie alle Säulen unseres Lebens betrifft.

Jede*r Einzelne von uns ist davon betroffen. Ob wir uns auf eine veränderte Arbeitssituation (Homeoffice, Schutzmaßnahmen am Arbeitsplatz oder auch Jobverlust) einstellen müssen, Kinder betreuen oder „homeschoolen“ müssen, keine Kulturveranstaltungen mehr besuchen können, nicht mehr reisen können, keine Freund*innen mehr umarmen dürfen, ob wir im Homeoffice vereinsamen oder plötzlich rund um die Uhr mit der Familie zuhause zurecht kommen müssen, ob wir uns Sorgen um die Gesundheit unserer Angehörigen machen oder selbst zu den Risikogruppen zählen …

Wir leben seit knapp einem Dreiviertel Jahr im Hier und Jetzt, ohne die Zukunft planen zu können, ohne zu wissen, wie die Situation nächste Woche, nächsten Monat oder nächstes Jahr aussieht. So nach dem Motto „alles ist möglich, nix ist fix“. Das ist unglaublich anstrengend. Hinzu kommt, dass wir durch den Wegfall der üblichen Freizeitmöglichkeiten zu weniger Erholung kommen, wir können unseren Alltag kaum verlassen und finden weniger Ablenkung. Daher ist es verständlich, dass sich viele Menschen „urlaubsreif“ fühlen.

Krisen gliedern sich in vier Phasen:

1. In der Schockphase, bei der Konfrontation mit dem Ereignis oder der Veränderung, gerät in uns alles in Aufruhr, wir erleben eine hohe Anspannung, wollen es nicht wahrhaben.

2. In der Reaktionsphase werden unsere Abwehrmechanismen aktiv: wir suchen nach dem Sinn, fragen uns, warum es gerade uns trifft, auf der Suche nach Erklärungen entwickeln wir vielleicht magische Vorstellungen (z.B. Verschwörungstheorien), suchen Schuldige, entwickeln selbst Schuldgefühle, Ängste, Schlafstörungen usw.

3. In der Verarbeitungsphase beginnen wir uns mit den Konsequenzen des Geschehenen auseinanderzusetzen, wir finden neue Lösungen und orientieren uns wieder in Richtung Zukunft.

4. In der Phase der Neuorientierung wird das Geschehene Teil unserer Vergangenheit.

In welcher Phase denken Sie befinden wir uns derzeit? In welcher Phase befinden Sie sich gerade? Ich denke, wir schwanken zwischen Reaktions- und Verarbeitungsphase. Die zweite Welle hat uns tatsächlich erwischt. Ein zweiter Lockdown steht im Raum (ich schreibe den Artikel am 30. Oktober 2020). Manche von uns haben damit gerechnet, manche haben gehofft, es kommt anders. Die Phasen einer Krise können öfter wechseln und sich teilweise überlappen.

Es ist normal, dass nichts normal ist

Der Blick auf das Wesen von Krisen erklärt die steigende psychische Belastung der Menschen. Wenn uns (verständlicherweise) nicht mal die Regierung sagen kann, wie unsere Welt morgen aussieht, wie sollen wir da Sicherheit verspüren? Wie können wir unser „normales Leben“, unsere Leistungsfähigkeit, unsere Gelassenheit aufrecht erhalten, wenn unserer sicherer Rahmen, unser Boden ins Wanken geraten ist?

Es kostet uns enorm viel Energie, uns in allen Lebensbereichen plötzlich neu erfinden zu müssen, weil wir uns auf keine Routinen verlassen können. Und neben den Veränderungen, die wir bewältigen, müssen wir unsere Ängste und Sorgen, die damit verbunden sind, regulieren. Manche bewusst, manche unbewusst.

Insofern ist es normal, dass sich viele Menschen ausgelaugt fühlen, obwohl sie vielleicht weniger arbeiten oder weniger Freizeitstress haben als sonst. Es ist normal, dass wir emotional dünnhäutiger sind, schneller ungeduldig oder verärgert reagieren und es uns schwer fällt, unsere Emotionen zurück zuhalten. Es ist normal, dass jede*r Einzelne mehr mit sich selbst, mit den eigenen Sorgen und Belastungen beschäftigt ist und weniger Mitgefühl für anderen Menschen aufbringen kann. Es ist völlig normal, dass wir uns teilweise anders verhalten, als wir oder andere es von uns gewohnt sind und es zu Konflikten in Freundschaften oder Teams kommt.

Ebenso normal ist es, innerlich ambivalent, also zwiegespalten zu sein. Einerseits die Maßnahmen zu unterstützen, sie aber auch mühsam oder manchmal übertrieben zu finden. Einerseits Angst vor einer Ansteckung zu haben, andererseits aber lieber ins Büro zu gehen statt im Homeoffice zu arbeiten. Veränderungen in Angriff zu nehmen, aber zwischendurch auch Ängste zu haben.

Dagegen ist es ein Irrglaube, in dieser Situation die normale Leistungsfähigkeit aufrecht erhalten zu können. Machen Sie sich das bewusst und haben Sie Nachsicht und Mitgefühl mit sich selbst!

Hier setzt auch (m)eine Erklärung für das Verleugnen von Covid-19 bzw. von Verschwörungstheorien an. Wenn das Virus nicht existiert, muss ich mich davor auch nicht fürchten. Und wenn jemand für das Virus verantwortlich ist, sei es Bill Gates oder irgendein Herrscher, hat es jemand unter Kontrolle. Dieser jemand könnte irgendwann sagen: „So, ich habe euch eine Lektion erteilt, jetzt beende ich den Zustand“. Kontrolle fühlt sich so viel besser an als Unsicherheit. Man kann das Verleugnen oder den Gedanken an eine Verschwörung also als einen Versuch der Bewältigung sehen, wenn auch nicht als die gesündeste Variante.

Wie schaffen wir es trotzdem gut durch die Krise?

Trotz der Erschütterung unserer Welt meistern wir die Situation ziemlich gut, finden Sie nicht auch? Wir haben von heute auf morgen Dinge geschafft, für die gut strukturierte Unternehmen mitunter Jahre benötigen. Zum Beispiel die Umstellung auf Homeoffice, die Betreuung unserer Kinder im „Homeschooling“ bzw. „Homekindergarten“, die Umstellung auf Online-Angebote statt Face-to-face-Terminen, die Organisation von Nachbarschaftshilfe, die rasche Umsetzung der Hygienevorschriften, die rasche Verfügbarkeit von selbst genähten Masken usw.

Unser Anpassungsvermögen, unsere Kreativität in der Lösungsfindung und unsere Flexibilität sind extrem hoch. Dafür sollten wir uns auch einmal oder mehrmals auf die Schultern klopfen!

Die 7 Säulen der Resilienz

Wie belastend wir eine Krise erleben, ist sehr individuell. Selbst wenn wir augenscheinlich in derselben Situation wie unsere Freundin sind, können wir ein völlig unterschiedliches Stresserleben haben. Das liegt daran, dass wir von Kindheit an einen ganz individuellen Rucksack mit Ressourcen und Belastungen mitbekommen haben.

Aus der Resilienzforschung wissen wir, welche Faktoren dazu beitragen, Krisen unbeschadet zu überstehen. Resilienz bedeutet psychische Widerstandskraft. Die sieben Säulen der Resilienz sind

1. Optimismus: der Glaube an ein gutes Ende.

2. Akzeptanz der Situation.

3. Lösungsorientierung: was kann ich jetzt tun?

4. das Verlassen der Opferrolle und aktiv werden

5. Verantwortung für sein Handeln übernehmen

6. unterstützende soziale Netzwerke (Familie, Freund*innen, Kolleg*innen, Beratungsstellen,… )

7. die Zukunft planen

Natürlich können wir nicht immer optimistisch und lösungsorientiert denken. Manchmal ist es einfach zu viel, manches macht uns Angst, manches traurig oder wütend. Das ist völlig in Ordnung. Es ist gut, diesen Gefühlen Raum zu geben, damit sie sich nicht über andere Wege (z.B. psychosomatische Symptome wie Kopfschmerzen, Magenschmerzen usw.) Platz verschaffen müssen. Wichtig ist aber, nicht darin verhaftet zu bleiben, sondern den Blick auch wieder nach vorne zu richten.

Folgende Fragen können hilfreich sein:

* Was gelingt mir gerade gut, was fällt mir derzeit leicht?

* Was habe ich unter Kontrolle, welche Routinen kann ich nutzen? (z.B. meine Tagesstruktur, mein Sportprogramm, …)

* Was brauche ich, um die Situation zu meistern?

* Wer könnte mir dabei helfen?

* Was könnte der nächste, kleinstmögliche Schritt sein?

Mehr über den Umgang mit Ängsten lesen Sie hier.

Stärkung des Kohärenzgefühl

Zur Entstehung und Erhaltung von Gesundheit tragen die Faktoren Verständnis, Machbarkeit und Sinnhaftigkeit bei, das sogenannte Kohärenzgefühl. Deshalb ist es mir wichtig, in meinen Beratungen/ Therapien immer wieder „Hintergrundinformationen“ zu geben, Zusammenhänge unseres Erlebens und Handelns herzustellen. In einer Krise, wo oft alles in Frage gestellt wird, ist das Verstehen von Zusammenhängen noch wichtiger. Vielleicht trägt dieser Artikel ein wenig zu Ihrem Verständnis der aktuellen Geschehnisse bei.

Meine Tipps für den Umgang mit der Krise:

* Gehen Sie achtsam mit sich und Ihrem Umfeld um. Seien Sie nachsichtig, wenn manche Dinge nicht gleich gelingen oder schwerer fallen.

* Gut ist gut genug.

* Achten Sie auf Ihr Energielevel und nehmen Sie sich Zeit für Erholung. Z.B. ein warmes Bad, ein gutes Buch, Musik hören, einen Spaziergang, genügend Schlaf…

* Seien Sie nachsichtig mit Ihren Mitmenschen. Auch sie sind ein einer belastenden Situation und können vielleicht gerade nicht anders reagieren.

* Bleiben Sie in Kontakt mit Ihrer Familie, Ihren Freund*innen, Kolleg*innen, Menschen, die Ihnen gut tun (natürlich im Rahmen der derzeitigen Regierungsvorgaben)

* Bleiben Sie in Bewegung. Bewegung hilft, Ängste abzubauen und auf andere Gedanken zu kommen.

 


Titelbild:  Julian Hochgesang

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