Wenn ich Klient:innen eine Gruppentherapie empfehle, reagieren sie fast immer mit Unsicherheit und reflexartiger Ablehnung. Haben Sie aber einmal den ersten Schritt gewagt und sind sie in der Gruppe angekommen, wollen sie sie oft nicht mehr verlassen.

Der Wunsch nach Zugehörigkeit und die Angst vor Ablehnung

Soziale Gruppen sind für viele Menschen mit Ambivalenz verbunden. In Kontakt mit anderen kommen, einen guten Platz in der Gruppe finden, etwas von sich Preis geben, sich anpassen, aber auch die eigene Individualität einbringen – große Herausforderungen, egal ob am Arbeitsplatz, in einer Sportgruppe, unter Freund:innen … und erst Recht in einer Therapiegruppe?

Wenn es schon vor einer einzelnen Therapeutin schwierig ist, sich zu öffnen, wie soll das dann vor einer fremden Gruppe gelingen? Was ist, wenn mich die anderen Teilnehmer:innen nicht mögen, mich und meine Probleme komisch finden? Ich kann schon mit meinen eigenen Themen schlecht umgehen, wie soll ich mich dann von den Geschichten der anderen abgrenzen?

Berechtigte Sorgen, für deren Auflösung eine gute Gruppenleitung Sorge trägt. Ein kleines Wortspiel, das wörtlich genommen werden kann: Einer der Vorteile von Therapiegruppen ist nämlich, dass es eine Leitung gibt, die einen tragfähigen Rahmen für eine gelingende Begegnung herstellt und die dafür verantwortlich ist, negative Erfahrungen, wie sie vielleicht aus der Schule bekannt sind, zu verhindern.

Das Ziel einer Gruppentherapie sind heilsame Begegnungserfahrungen.

Wie machen wir das konkret? Im Psychodrama teilen wir den Therapieprozess in drei Phasen ein: die Erwärmungsphase, die Aktionsphase und die Integrationsphase. In der Gruppentherapie bedeutet das, die Teilnehmer:innen zunächst füreinander „zu erwärmen“. Ganz praktisch biete ich in der ersten Gruppenstunde einfache Übungen zum Ankommen und Kennenlernen an, z.B. einfach mal durch den Raum zu gehen und sich umzusehen, wo man hier überhaupt gelandet bin. Den Raum auf sich wirken zu lassen, sich einen guten Platz zu suchen, von dem aus man auch mal die anderen Teilnehmer:innen wahrnehmen kann. Wir können mit Blicken, einem Lächeln oder einer sanften Berührung der kleinen Finger in Kontakt kommen – noch immer weit entfernt von einem festen Händedruck und einer klassischen Vorstellungsrunde.

Vorstellungsrunden sind oft mit der Angst sich zu blamieren verbunden. Im Psychodrama haben wir zum Kennenlernen einfachere und kurzweiligere Methoden zur Verfügung. Zum Beispiel sogenannte soziometrische Aufstellungen, wo wir uns nach bestimmten Merkmalen aufstellen oder zuordnen. Diese können die Größe, das Alter, die Anzahl von Geschwistern, Haustiere, vielleicht auch die aktuelle Stimmung sein. Für ein Stimmungsbild ist es oft auch nett, sich aus einem Stapel von Postkarten eine auszusuchen, die in diesem Moment zur eigenen Stimmung passt. Dann kann Jede:r ein paar Worte dazu erzählen, so viel oder wenig wie er:sie möchte.

Durch solche Übungen entsteht langsam ein Bild der Gruppe, wir werden neugierig, erkennen Gemeinsamkeiten und Unterschiede – und das alles ohne sich alleine vor der Gruppe exponieren zu müssen. Die Beantwortung strukturierter Fragen fällt uns leichter als sich selbst überlegen zu müssen, welche Kurzzusammenfassung ich der Gruppe über mich erzählen möchte.

Eine wichtige Regel bei allen Übungen ist die Freiwilligkeit: Jede:r Teilnehmer:in entscheidet selbst, inwieweit sie:er mitmachen möchte, was sie:er sagen möchte. Manche Menschen sind schnell erwärmt, andere brauchen etwas länger. Manchmal fühlen wir uns in einer aktiven Rolle wohl, an manchen Tagen genießen wir vielleicht die Passivität. Der Gruppenprozess lebt von den individuellen Prozessen der Teilnehmenden. Dazu mehr im nächsten Artikel: die Aktionsphase… (coming soon)

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